© Tourist Information Paderborn, Karl Heinz Schäfer
01.06.2020

Alter Pilgerweg - Wandern in Corona-Zeiten

Entschleunigung in Paderborn

Erlebnisbericht von Karl Heinz Schäfer

© Tourist Information Paderborn, Karl Heinz Schäfer

Die Coronakrise hat uns alle getroffen! Wer bisher glücklicherweise nicht krank wurde, ist dennoch von den Verhaltensregeln und Vorsichtsmaßnahmen sowie von den Konsequenzen des Lockdowns betroffen.

Aus meiner Sicht gibt es jedoch auch eine andere, eine positive Seite der Krise und des damit einhergehenden Stillstands in vielen Bereichen. Auf einmal ist Zeit zu entschleunigen! So ist es jedenfalls mir - und sicher auch vielen anderen - ergangen: Private und dienstliche Termine gab es so gut wie gar nicht mehr. Keine Veranstaltungen, kein Essengehen, keine Geburtstagsfeiern, keine Freundesabende. Und dazu noch Kurzarbeit. Welch ein Glück, dass der Frühling uns in den letzten Wochen ein so grandioses Wetter bescherte. Fast so, als wolle er den ganzen negativen Seiten der Corona-Epidemie etwas Positives, etwas zum Freuen, entgegensetzen.

 

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Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen auf einmal das Draußensein (wieder-)entdeckten. Nie zuvor traf ich so viele Leute auf den ansonsten recht wenig frequentierten Wanderwegen in meiner heimischen Region. Nie zuvor so viele Familien, die mit ihren Kindern Freude beim Wandern und Spaß in der Natur hatten. Ich bin überzeugt: Ohne Corona wäre das nicht passiert! Als passionierter Wanderer freute ich mich natürlich auch über das prachtvolle Frühlingswetter und war, wann immer möglich, auf den Wanderwegen in unserer Region unterwegs.

Doch ein Weg passt für mich am allerbesten in diese aktuelle Coronazeit, die uns neben den zahlreichen negativen Auswirkungen eben auch die Gelegenheit zur Entschleunigung beschert: der „Alte Pilgerweg“ bei Paderborn. Sein Ausgangspunkt befindet sich etwas südlich der Stadt im Haxtergrund – ein beliebtes Naherholungsgebiet für die Paderborner. Sie lieben es, in dem grünen, waldreichen Tal ihren Spaziergang zu unternehmen und anschließend in der Traditionsgaststätte „Weyher“ oder im italienisch angehauchten Bistro „Waldklang“ einzukehren. Insofern kann es hier sonntags ganz schön belebt sein. Ich habe mir für meine Tour auf dem Alten Pilgerweg daher einen Mittwoch ausgesucht. So treffe ich nur wenige Menschen auf dem Parkplatz im Tal. Ein großes, über den Weg gespanntes Banner mit der Aufschrift „Alter Pilgerweg“ zeigt mir den Einstieg in meine Rundtour.

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Bereits nach kurzer Wegstrecke stehe ich vor einer Tafel mit kurzen Texten. „Wir haben verlernt, die Augen auf etwas ruhen zu lassen, deshalb erkennen wir so wenig“, lese ich.
Passt dieses Zitat des französischen Schriftstellers Jean Giono nicht gut in unsere aktuelle, vom Einfluss des Corona-Virus geprägte Zeit? Immer schnelllebiger ist unsere Welt geworden – und plötzlich schafft es ein winziges Virus, dass sie sich langsamer dreht!

Insgesamt zehn solcher Tafeln – die Macher des Wanderwegs haben sie „Gedankenpunkte“ genannt – stehen entlang des Alten Pilgerwegs. Sie sollen Impulse zum Nachdenken geben und somit den modernen Pilgercharakter des rund 21 Kilometer langen Wegs unterstreichen.

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„Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.“ Berthold Brechts Ausspruch berührt mich. Auch Adalbert Stifter regt mich zum Nachdenken an, wenn er sagt: „Die großen Taten der Menschen sind nicht die, welche lärmen. Das Große geschieht so schlicht, wie das Rieseln des Wassers, das Fließen der Luft, das Wachsen des Getreides.“ Treffend empfinde ich auch den Ausspruch: „Wir denken selten an das, was wir haben, aber immer an das, was uns fehlt.“ Der stammt von Arthur Schopenhauer, und als ich ihn las, fühlte ich mich irgendwie ertappt.

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Der markanteste „Gedankenpunkt“ und zugleich das Highlight meiner Rundtour ist zweifellos die romanische Kapelle „Zur Hilligen Seele". In der freien Feldflur bei Dörenhagen unter alten Linden gelegen ist sie seit mehr als 1000 Jahren ein Ort der Kreuzverehrung und Ziel zahlreicher Pilger und Wallfahrer. Diese Kapelle soll ein Kraftort sein, heißt es. Ich kann das nicht beurteilen, spüre aber eine gewisse „Aura“, die mich einfängt. Spontan lege ich hier eine ausgiebige Rast ein. Der weite Blick über die grüne Paderborner Hochfläche lässt mein entschleunigtes Herz höher schlagen!

Unmittelbar neben der Kapelle geht es ganz profan zu. Hier steht ein „Hühnermobil“ auf der Wiese und das Federvieh scheint das Picken im grünen Gras sichtlich zu genießen und auf seine eigene Weise in den Tag hinein zu leben. Wie schön, dass man im benachbarten Bauwagen die Eier die offensichtlich glücklichen Hühner kaufen und damit ein wenig Entschleunigung im Pappkarton mit nach Hause nehmen kann.

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Der „Alte Pilgerweg“ bietet mir jedoch nicht nur Gelegenheiten zur inneren Einkehr, sondern auch beeindruckende Landschaftserlebnisse: Idyllische Täler, stattliche Buchenwälder und weite Fernsichten wechseln sich ab. Wer bislang der Meinung war, Pilgern bedeute Buße und Selbstkasteiung, wird hier schnell eines Besseren belehrt.

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Zu einer besseren Welt, nach der wir uns bisweilen sehnen, gehört vielleicht auch Schloss Hamborn. In der kleinen Siedlung, die im Besitz des gemeinnützigen Vereins „Schloss Hamborn Rudolf Steiner Werkgemeinschaft“ ist, wird nach anthroposophischen Grundsätzen gelebt und gearbeitet. Dort gibt es neben einer Waldorfschule unter anderem eine Gärtnerei sowie ein Hofgut mit Land- und Forstwirtschaft, Bäckerei und Käserei. Hier sieht man, wie wohl sich die Milchkühe im großen offenen Stall fühlen und welche Freude die Hühner beim Scharren auf der Weide haben. Die erzeugten Produkte – Milch, Wurstwaren oder Käse – sind im Café und im Bioladen erhältlich. Das markanteste Bauwerk der Siedlung ist das gleichnamige Schloss selbst. Das zwischen 1850 und 1931 aus Naturstein erbaute, dem Stil der Weserrenaissance nachempfundene Bauwerk gefällt mir gut.

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Durch das abgeschiedene Despental leitet mich der gut markierte Weg hinauf zum Aussichtsfelsen „Teufelstein“. Ich frage mich, was dieser schöne Aussichtsfelsen mit dem Teufel zu tun hat. Meine Frage bleibt leider unbeantwortet. Jedenfalls genieße ich von dort einen herrlichen Blick über das Altenautal.

Bei meinem Abstecher ins Tal zur barocken St.-Lucia-Kapelle – ebenfalls ein altes Wallfahrtskirchlein - widerstehe ich erfolgreich der Versuchung, mir im benachbarten Bauernhofcafé „Kapellenhof“ ein leckeres Stück hausgebackenen Kuchen zu gönnen. Vielmehr steige ich ohne Umschweife durch das idyllische Bilkental hinauf in das Reich der alten Buchen. In diesem frühlingsgrünen Wald spüre ich geradezu die zu Holz gewordenen Jahrhunderte. Der vor zwei Jahren eröffnete Friedwald im sogenannten „Nonnenbusch“ macht zwar die Endlichkeit des eigenen Seins deutlich, zeigt mir aber auch, dass es durchaus schöne Plätze für die Zeit nach dem Ableben gibt!

Ja, der Alte Pilgerweg kann, sofern man sich darauf einlässt, tatsächlich zur Entschleunigung beitragen und zum Nachdenken anregen. Die herrliche Landschaft zwischen Haxtergrund und Altenautal erfreut aber auch die Seele.

Jetzt fehlt mir zum vollkommenen Glück nur noch etwas Gutes für den Leib. Doch auch das gibt es, wie eingangs bereits erwähnt, auf dem Alten Pilgerweg! Ich entscheide mich für den „besten Apfelkuchen der Welt“. Das meint jedenfalls der Paderborner Kabarettist Erwin Grosche. Dafür steuere ich zielsicher den einladenden Biergarten von „Weyhers“ an – für den krönenden Abschluss einer „bewegenden“ Tour.

Wenn Sie jetzt auf den Geschmack gekommen sind: Weitere Informationen einschließlich der GPS-Daten gibt es im Internet unter www.alter-pilgerweg.de

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